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Kino im Kopf

Für die heutigen Generationen ist es kaum vorstellbar, aber während meiner Kinder- und Jugendzeit gab es weder Handys, Smartphones noch Internet. Wissen wurde nicht online auf Wikipedia vermittelt, sondern man schlug Bücher, Lexika oder Atlanten auf, um die Antworten auf wichtige Fragen zu erhalten. Gedrucktes zu lesen war für meinen Jahrgang nicht nur der einzige Weg zur Gelehrsamkeit, es war auch ein wunderbarer Zeitvertreib, der meine Fantasie, Kreativität und Inspiration förderte.

Schon als siebenjähriger Knabe, kaum dass ich die Buchstaben entziffern konnte, verschlang ich alles an Schriftgut, was greifbar war. Auch wenn etliche meiner kindlichen Alltags-Wünsche unerfüllt blieben, in Sachen Büchern wurde ich stets von meiner Mutter bestens versorgt. Ich erlebte aufregende Abenteuer mit den „Fünf Freunden“, schlug mit „Jack, der Bärenklaue“ Schlachten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und verbrachte viel Zeit auf der „Burg Schreckenstein“. Mit den „Kindern aus Bullerbü“ tobte ich durch die blühenden skandinavischen Landschaften, war Teil der Besatzung des „fliegenden Klassenzimmers“, verfolgte mit „Emil und den Detektiven“ einen gemeinen Dieb quer durch Berlin und zog an der Seite Kara Ben Nemsi´s „durchs wilde Kurdistan“.

Hatte ich alle meine Schmöker durchgeblättert, griff ich gern mal auf die Mädchen-Bücher meiner Schwester zurück. Ob „der Trotzkopf“, „Hanni und Nanni“ oder „Dick und Dalli“, alles wurde von mir regelrecht inhaliert. Aber auch die kleine Bibliothek meiner Mutter war vor mir nicht sicher. Mit den „drei Männern im Schnee“ baute ich vor einer prachtvollen Winterkulisse den Schneemann Kasimir, beömmelte mich ausgelassen über die Schülerstreiche des Romans „Die Feuerzangenbowle“ und fand irgendwann, gut versteckt in der hintersten Reihe meiner Mutters Buchauswahl, solch literarische Glanzstücke wie "Angst vorm Fliegen" und "Fanny Hill", bei deren Genuss mir nicht nur die ersten Brusthaare wuchsen... 




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